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Sommer 2018
Nr. 232


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MEDIA BIZ digital


 The Circle - auf der Bühne Devon Dawson
Foto: Chris Hollo
Seniorenclub trifft Musikantenstadel

The „Grand Ole Opry“ ist die älteste Radiosendung der Welt, gilt bis heute als das Hochamt der Countrymusik und wird weltweit gehört. Wolfgang Ritzberger war in Nashville, das seinen Ruf als Welthauptstadt der Countrymusik auch dieser Radiosendung verdankt, live dabei.

Wetten, dass jeder von uns bei der Quizfrage, was der wichtigste Wirtschaftszweig der Stadt Nashville sei, Countrymusik ankreuzen würde. Was dem Grunde nach nicht ganz falsch zu sein scheint, immerhin setzt die Musikindustrie in Nashville laut offizieller Statistik mehr als sechs Milliarden Dollar um. Die wichtigsten Plattenlabels haben hier ihren Sitz, und auch der weltberühmte Gitarrenhersteller Gibson, derzeit unter Chapter 11, also in einem Insolvenzverfahren mit geplanter Umstrukturierung, ist hier zu Hause. Die Antwort ist dennoch falsch, denn die Gesundheitsindustrie, also etwa die Betreiber von Krankenhäusern, geben hier den Ton an. Leiser zwar als die Musiker, was in der Natur der Sache zu liegen scheint, aber wirtschaftlich um vieles gewichtiger: Jahresumsatz knapp 20 Milliarden und rund 100.000 Beschäftigte im Vergleich zu etwa 20.000 Menschen, die von der Musikindustrie leben. Aber davon hört man nur von Taxifahrern oder bei der Tour mit dem Hop-on-and-off Bus quer durch die Stadt. Das Bild ist geprägt von Musik und Party den ganzen Tag lang. Von Gesundheitsindustrie bemerkt man „downtown“ eigentlich nichts, Countrymusik Bands sind allgegenwärtig. Das geschieht in einer Dichte, die sonst nur in New Orleans erlebt werden kann, so gut wie aus jedem Wirtshaus tönt Live-Musik, fast jedes Wirtshaus wirbt mit seinem „Schanigarten“ auf dem Dach, was dazu führt, dass sozusagen auf jeder Ebene was los ist (sogar im Keller, wie die aus dem gleichnamigen Film berühmte Coyote Ugly Bar, mit auf dem Tresen tanzenden Kellnerinnen). Und so wie die Franzosen mit dem Baguette unterm Arm durch die Stadt wandern, hat hier jeder Zweite einen Gitarrenkoffer dabei.

The Ghost Riders
Foto: Wolfgang Ritzberger

Party und Wanderprediger
Auf den Straßen prägen Party-Fahrzeuge in allen Varianten den Verkehr, zumindest den öffentlich sichtbaren, auf alles Weitere kann nur geschlossen werden, was aber angesichts der durch Alkohol ziemlich sehr lustig wirkenden Gäste dieser Fahrzeuge, bei denen der Transport als Zweck des Unternehmens eindeutig in den Hintergrund gerät, nicht so schwer ist. Vorausgesetzt sie finden irgendwann einmal zueinander, denn die meisten Traktoranhänger, Pritschenplattformen und LKW-Ladeflächen sind nicht koedukativ besetzt. Die Kundschaft derartiger Unterfangen speist sich nicht zuletzt aus den zigtausenden Studenten, die hier auf der Jagd nach einem Degree sind, vor allem an der Vanderbilt Uni, die zu den Elite-Universitäten der USA zählt und an der alleine mehr als 11.000 Studenten eingeschrieben sind. Übrigens, wo Party ist, erzählt uns die Moderatorin der Begrüßungs-Multimediashow im Ryman Theater, gibt es auch das: Schnitt zu einem Gottesdienst (sehr geschickt mit mehreren Projektoren als Schattenspiel gestaltet). Stimmt, auch auf der Straße, inmitten des Trubels und der flächendeckend scheinenden Party stehen locker verteilt Prediger, die versuchen, die vorbeieilenden Menschen aus dem Fegefeuer, in dem sie sich sichtlich befinden, zu befreien. Eine Truppe sah besonders verwegen aus, ein bisserl so, als ob sie mangels Betätigungsfeld als Straßengang in Harlem hierher übersiedelt sind und ins Fach Wanderprediger gewechselt haben. Komplett mit Bühne, Transparenten und grimmig dreinschauendem Personal.

The Grand Ole Opry
Den Ruf als Mekka der Countrymusik hat hier in Nashville die älteste Radiosendung der Welt begründet, ohne die wir heute Nashville anders sehen würden. „The Grand Ole Opry“ startete 1927, noch unter anderem Namen, mit dem Sender WSM - AM 650 khz, also auf Mittelwelle. Damals, Ende der 20er, noch mit eher bescheidener Reichweite: das bisserl Tennessee rund um Nashville, aber bald schon wurde der Sender verstärkt und vor allem Ende der 30er Jahre übernahm NBC ihr Programm. Damit war „The Grand Ole Opry“ überall in den Staaten zu hören und wurde zu einem Teil der Radiogeschichte der USA (Soundfiles von den Anfängen finden sich etwa in der Bibliothek des Kongresses) und der Country Musik. Heute sendet „America’s Country Music Station“ immer noch auf Mittelwelle und nach wie vor mit einem Sendemast.

Einen Streifzug durch die Geschichte von „The Grand Ole Opry“ und persönliche Eindrücke der Show, die alles beinhaltet, wofür das Radio geliebt wurde, lange bevor sich Theoretiker darüber Gedanken machten, wieviel Wortanteil gegenüber wieviel Musikanteil und vor allem welcher Musik zu Lasten der Quote geht, bietet Wolfgang Ritzberger ab Seite 36 der aktuelle Ausgabe von MEDIA BIZ.
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