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mai 2019
Nr. 240


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MEDIA BIZ digital
Neue Klänge braucht das Land!

1881 war es, als der französische Erfinder Clément Ader mit seinem Théâtrophone die erste Stereo-Übertragung aus der Pariser Oper durchführte. 2019 klebt die Mehrzahl aller Radio- und Fernsehsender, Disc- und Online-Medien immer noch an der Stereofonie, als hätte es in den letzten 138 Jahren keine besseren Ideen gegeben. Über den Aufbruch zu neuen Ufern berichtet Karl M. Slavik.

Eines gleich vorweg: Eine gute Stereoaufnahme kann hervorragend klingen und ein gehöriges Maß an Räumlichkeit vermitteln. Dennoch leidet klassische Zweikanal-Stereofonie an zwei wesentlichen Schwächen. Erstens: Die Lokalisation von Schallquellen gelingt nur innerhalb der Stereobasis (also zwischen den beiden Lautsprechern), eine wirkliche Rauminformation wird nicht übertragen. Und zweitens: Die sogenannte „Phantommitte“, die auf Mitte panoramisierte Schallquellen genau zwischen den Lautsprechern abbilden soll, funktioniert in den wenigsten Fällen. Je nach Position des Hörers rutschen die Schallquellen entweder nach links oder nach rechts, in der Mitte entsteht ein Loch, das Mittenloch.

Produktion in Dolby Atmos beim Jazz Festival in Montreux:
Hugh Coltman, Cory Henry & The Funk Apostles
Foto: Karl M. Slavik, 2018

Das war der Grund, warum frühe Stereo-Systeme oftmals dreikanalig ausgeführt waren (LCR-Stereo) oder beim frühen Tonfilm der einzige Lautsprecher (Mono) genau in der Mitte hinter der Leinwand positioniert war. Die frühen Stereo-Tonaufnahmen des Plattenlabels Decca in den 50er Jahren erfolgten mit dem eigens entwickelten Decca-Tree, einem aus drei Mikrofonen bestehenden Hauptmikrofonsystem und wurden auf dreikanaligen (!) Bandmaschinen von Ampex aufgezeichnet. Auf den ebenfalls gerade entwickelten Langspielplatten konnten jedoch nur zwei Kanäle gespeichert werden, was mangels eines geeigneten Matrixverfahrens zum frühen Tod der LCR-Stereofonie führte.

Von Stereo zu 5.1 Surround
In den 70er Jahren traten die Quadrofonie im Wohnzimmer und Dolby-Stereo im Kino auf den Plan. Während die Quadrophonie rasch wieder ausstarb, konnte sich Dolby Stereo als vierkanaliges Matrixverfahren (LCRS) im Kino bis in die 90er Jahre behaupten, bis es von digitalem Filmton (Dolby Digital, DTS, SDDS) abgelöst wurde. Die Einführung der DVD Mitte der 90er Jahre rückte diskrete Kodierverfahren wie DTS Digital und Dolby Digital in den Mittelpunkt, die Stereo und 5.1 Surround übertragen konnten und zu einer ersten Hochblüte des „Home Cinema“ führten. Seit den frühen 2000er Jahren senden viele TV-Stationen Surroundton in Dolby Digital und zunehmend oft Dolby Digital Plus (DD+). Vor allem Spielfilme, große TV-Serien, Dokumentationen, Konzert- und Sportereignisse werden damit in 5.1 Surround übertragen. So wurde zum Beispiel der ORF im Jahr 2003 der erste öffentlich-rechtliche TV-Sender Europas, der Dolby Digital 5.1 einführte und bis heute konsequent anwendet. Im Hörfunkbereich, bei Disc- und Online-Medien regiert nach wie vor die Stereofonie (von Ausnahmen im Promille-Bereich einmal abgesehen). Auch Beschallungen sind meist zweikanalig und daher nicht selten mit einem fetten Mittenloch und fehlender Richtungslokalisation gesegnet (wenn man von lobenswerten Beispielen wie etwa der Seebühne Bregenz absieht).

Immersive Audio und NGA – was ist das?
„To immerse“ bedeutet im Englischen so viel wie „in etwas eintauchen“. Der davon abgeleitete Begriff „Immersive Audio“ beschreibt Audiosysteme, die durch Beschallung aller drei Raumachsen (X, Y, Z) ein Eintauchen ins Klanggeschehen ermöglichen. Während Stereo nur eine Achse (X) bedient und Surround nur zwei (X, Y), erfasst Immersive alle drei (X, Y, Z) und erlaubt die dreidimensionale Lokalisation von Schallquellen. Der oftmals missbrauchte Begriff „3D Audio“ wird in diesem Zusammenhang auch manchmal verwendet. Echtes Immersive Audio kann mit zweikanaliger Kunstkopf-Stereofonie ebenso produziert werden wie mit dem vierkanaligen „First Order“ Ambisonics B-Format. Ganz andere Methoden verwenden Verfahren wie Barco Auro 3D, DTS-X oder Dolby Atmos, die man unter anderem auf Blu-rays und in Kinosälen antrifft. Bei TV-Sendern und Streaming-Anbietern fällt die Wahl dabei fast ausschließlich auf Dolby Atmos, da es in Heimgeräten am weitesten verfügbar ist und selbst bei vergleichsweise kleinen Datenraten sehr gute Qualität liefert. Als objektorientiertes Verfahren bietet es auch bei klassischer Stereowiedergabe sehr nützliche Features, wie etwa NGA, Next Generation Audio.

Welche Funktionen Next Generation Audio bietet und Beispiele für den erfolgreichen Einsatz beschreibt Karl M. Slavik (www.artecast.com) ab Seite 31 der aktuellen Ausgabe von MEDIA BIZ.
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