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September 2019
Nr. 242


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MEDIA BIZ digital


Fabian Eder, aac ist Autor, Filmemacher, Obmann des Dachverbands der Österreichischen Filmschaffenden und Vorstandsvorsitzender der VdFS Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden.
Foto: Daniela Matejschek
Ein dringlicher Appell

Ein dauerhaftes Monitoring der Arbeitsbedingungen in der Film- und Fernsehbranche und damit strukturelle Verbesserungen herbeizuführen, ist das Ziel der Initiative #we_do! Fabian Eder erklärt im Gespräch mit Sylvia Bergmayer, warum es für die gesamte Branche wichtig ist, dieses Angebot, das Hilfe im Einzelfall bietet, in Anspruch zu nehmen.

Die Anlauf- und Beratungsstelle für Diskriminierung und Ungleichbehandlung, sexuelle Übergriffe, Machtmissbrauch oder Verletzungen im Arbeitsrecht in der österreichischen Filmbranche #we_do! wurde im Rahmen der Diagonale´19 vom Dachverband der Filmschaffenden vorgestellt. Dieses Angebot kann und soll von allen, die in der österreichischen Film- und Fernsehbranche tätig sind, in Anspruch genommen werden. „Auch von Produzentinnen, Produzenten und Regisseurinnen und Regisseuren, die wie alle Filmschaffenden mit irgend einer Form von Machtmissbrauch konfrontiert sein können“, betont Fabian Eder.

Warum wurde diese Initiative jetzt ins Leben gerufen? Wie können damit strukturelle Verbesserungen erwirkt werden?
Fabian Eder: Wir haben über die Jahre hinweg in der VdFS und im Dachverband festgestellt, dass Filmschaffende uns immer wieder von Situationen, in denen sie sich ungerecht behandelt fühlen, von Machtmissbrauch, berichten, aber nicht wollen, dass das an die Öffentlichkeit dringt, weil sie Angst haben, keinen Job mehr zu bekommen.
Als dann die #MeToo-Bewegung in Gang gekommen ist, haben wir das natürlich beobachtet, in einer unserer Sitzungen zum Thema gemacht und befunden, dass eine Anlaufstelle wichtig sei, die sich in erster Linie auch um sexuellen Missbrauch, aber auch ganz generell um Machtmissbrauch kümmert und die von Branchenfremden Personen besetzt ist. Wir wussten zwar, es gibt die Gleichbehandlungsstelle und die Gleichbehandlungs-Anwaltschaft. Nur – und dieser Gedanke hat uns zum Kern der Initiative geführt – auch wenn die Anonymität dabei im Vordergrund steht, heißt das nicht, dass wir nicht auf Daten zugreifen können, mit denen wir strukturell etwas verändern können. Und genau das ist der Punkt. Wir bekommen von der Anlaufstelle ein Mal im Jahr einen Bericht, der absolut anonym ist, in dem kein einziger Einzelfall beschrieben wird, aber mit dem wir Problemfelder mitgeteilt bekommen. Beispielsweise sexuelle Übergriffe kommen besonders unter diesen oder jenen Voraussetzungen vor, oder Settings, bei denen Ruhestundenverletzungen stattfinden. Und dann können wir das aus Branchensicht betrachten und Lösungsmöglichkeiten finden oder einen möglichen Kommunikationsbedarf erkennen. Es ist sehr vielschichtig. Ich war beispielsweise auch schon damit konfrontiert, dass etwas, was jemand als Unrecht wahrgenommen hat, nach den Buchstaben des Gesetzes keines ist. Manchmal ist es ein Kommunikationsproblem, es kann sich aber auch herausstellen, dass es Bedarf gibt, die gesetzlichen Rahmenbedingungen anzupassen. Und genau darum geht es uns.

Es geht also sowohl um konkrete Unterstützung in Einzelfällen als auch um strukturelle Veränderungen.
Ja, um ein Monitoring der Branche an sich. Auf der Einzelfallebene ist es so, dass - egal um welche Form von Übergriff es sich handelt – man in unserer Anlaufstelle auf sehr kompetente Coaches trifft. Zur Auswahl stehen ein weiblicher und ein männlicher Coach, die im Bedarfsfall und auf Wunsch weiterhelfen, die Betroffenen an die richtigen Stellen weiterleiten und sich darum kümmern, dass diese die richtige Betreuung bekommen. Man kann aber auch das, was als Machtmissbrauch wahrgenommen wird, einfach nur melden. Das ist sowohl telefonisch als auch per Mail möglich, aber natürlich auch im persönlichen Vier-Augen-Gespräch.

Die Inanspruchnahme dieses Angebotes ist in jedem Fall kostenfrei?
Ja. Finanziert wird es von der VdFS und der VAM, und zwar zu gleichen Teilen. Das ist vorerst für ein Jahr vorgesehen, dann wird überprüft, ob eine Fortführung notwendig ist.

Lässt sich schon erahnen, wie sehr dieser Service in Anspruch genommen wird?
Nein, es ist nicht nur zu 100 Prozent anonym, wir wissen auch gar nicht, von wie vielen es derzeit genutzt wird. Es ist uns ein Anliegen, dass so viele wie möglich davon erfahren. Es gibt mittlerweile Aufnahmeleiter, die das fix in ihre Dispo aufnehmen, was natürlich großartig ist. Es ist wichtig, dass wir so viele wie möglich damit erreichen, informieren, dass es diese Anlaufstelle gibt und dass es wirklich Sinn macht, sich jemandem mitzuteilen, von dem man weiß, dass das Problem wahrgenommen wird. Es wird nicht nur ein Mal angehört und bleibt dann für ewige Zeiten unter Verschluss, sondern es wird wahrgenommen und übersetzt, so dass wir dann reagieren können.

Wer rechtliche Fragen klärt und wer im Rahmen dieser Initiative tätig ist, warum diese Initiative besonders für die Filmbranche, und zwar für die gesamte Hierarchie der Filmberufe, so wichtig ist, oder wie sich Filmschaffende im Zweifelsfall verhalten sollen erklärt Fabian Eder im Gespräch mit MEDIA BIZ, nachzulesen ab Seite 32 der aktellen Ausgabe von MEDIA BIZ.

Mit #we_do! schaffen die Österreichischen Filmschaffenden eine Anlauf- und Beratungsstelle gegen Diskriminierung und Ungleichbehandlung, Machtmissbrauch, sexuellen Missbrauch und Verletzungen im Arbeitsrecht. Mangelnde Einhaltung bestehender gesetzlicher Regelungen einerseits und die Befürchtung negativer Konsequenzen für die eigene berufliche Tätigkeit halten häufig davon ab, gegen Missbrauch vorzugehen. Egal, ob es sich um persönliche Übergriffe oder Machtmissbrauch durch Institutionen handelt, die Anlaufstelle steht allen Filmschaffenden offen.
Nach einem Jahr werden alle gemeldeten Fälle anonymisiert ausgewertet und in einem Bericht durch externe Expertinnen und Experten aufgearbeitet. Gemeinsam mit den Verbänden aller Filmschaffenden ist diese Analyse die Grundlage für lösungsorientierte Vorgehensweisen, um strukturelle Verbesserungen herbeizuführen.
we-do.filmschaffende.at/

Anlauf- und Beratungsstelle:
Meike Lauggas
www.meikelauggas.at 
T: +43-680-11 82 570 
M: we-do@filmschaffende.at

Norbert Pauser
www.diversity-inclusion.at 
T: +43-664-24 55 988 
M: we-do@filmschaffende.at
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