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November 2019
Nr. 244


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Franz Hergovich kommt aus der Musikwirtschaft, hat zum Teil im Handel gearbeitet, Konzerte veranstaltet, viele Jahre im Musikvertrieb  Soul Seduction, Black Market - elektronische Musik wie Kruder & Dorfmeister in die Welt verkauft. Der Shift Richtung Digitalisierung und der Einbruch des physischen Handels führte zum Konkurs von Soul Seduction. Das führte ihn Ende 2007 als Fachreferent zu mica, wo er seine internationale Erfahrung einbringen konnte und seit 2010 als Stellvertreter der Geschäftsleitung fungiert.




Sabine Reiter studierte Musikwissenschaft. Ihr wurde aber früh klar, dass sie weder Wissenschaftlerin werden noch sich dem Schreiben widmen wollte, nachdem sie ihre Stärke im Management erkannt hatte. Ihre Diplomarbeit war der österreichischen Musik gewidmet. Das hat sie zu mica geführt, wo sie ursprünglich als Fachreferentin für Neue Musik begann und nach einer interimistischen Phase als Karenzvertretung im Jahr 2010 zur Geschäftsführenden Direktorin bestellt wurde.
Foto: Klaus Ranger
Wir lieben Musik

So lautet eines der Leitmotive von mica - music austria – dem österreichischen Musikinformationszentrum, das 1994 als unabhängiger, gemeinnütziger Verein auf Initiative der Republik Österreich gegründet wurde. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums traf Sylvia Bergmayer die geschäftsführende Direktorin, Sabine Reiter und ihren Stellvertreter Franz Hergowvich, zum Gespräch.

Rund um Wahlen, und diese Gelegenheiten bieten sich ja derzeit öfter, werden Forderungen an die Politik formuliert, um die Situation heimischer Kulturschaffender zu verbessern. Die Rahmenbedingungen haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten maßgeblich verändert, Ausbildungsstätten reagieren eher zögerlich darauf, Geschäftsmodelle müssen noch entwickelt werden, wirtschaftliche Werte verlagern sich eher in Richtung Internet-Plattformen. Dabei genießt die vielfältige österreichische Musikszene international einen hohen Stellenwert, der Musikmarkt zählt zu den wichtigsten Wirtschaftssektoren. 153,3 Millionen Euro wurden laut IFPI Musikmarkt-Bericht 2018 erwirtschaftet, ein Plus von 5,5 Prozent gegenüber 2017. Die Wertschätzung des heimischen Kreativ-Potenzials hält sich auf politischer Ebene dennoch in Grenzen.
Sabine Reiter hat die Geschäftsleitung von mica - music austria in einer Zeit übernommen, in der einerseits viel Struktur verloren gegangen ist, sich aber andererseits auch Möglichkeiten ergeben haben, sein Publikum als Musiker selbst zu erreichen. Es gab weder so viele digitale Vertriebe oder Streaming-Plattformen noch so viele international erfolgreiche österreichische Acts. Diese Entwicklung unterstützt auch den Nachwuchs, so Hergovich, Leiter des Musikexportbereichs und Stellvertreter der Geschäftsleitung: Und „Jje mehr erfolgreiche Acts es esgibt, desto mehr trauen sich das auch zu. Wenn man schaut, wer in Deutschland in den Charts ist, Wanda, Bilderbuch oder RAF Camora, so etwas gab es damals nicht.“

Gab es einen Zündpunkt für diese positive Entwicklung?
Franz Hergov
ich: Es gab ein paar Dinge, die gleichzeitig passiert sind. Abgesehen von unserer Arbeit gab es Festivals wie das Popf Fest Wien oder Waves Vienna, die Öffentlichkeit geboten und mitgeholfen haben, aufzuzeigen, wie viel spannende Musik es in Österreich gibt. Für mich war einer der Knackpunkte der Österreich-Schwerpunkt beim Eurosonic Festival 2014. Da hat die ganze Szene beim wichtigsten Showc-Case-Festival in Europa mit rund 500 internationalen Festivals und tausenden Delegierten gesehen, dass dort Österreich ausgewählt wird. Die Medienaufmerksamkeit war hoch, auch in Österreich. Auch für den ORF war das plötzlich interessant genug, ein Fernsehteam hinzuschicken und - von der ZIB bis zu 3Sat - darüber zu berichten. Das hat sowohl die Wahrnehmung als auch das Selbstbewusstsein der Musikschaffenden verändert. Die, die jetzt anfangen, Musik zu machen, denken von Beginn an internationaler. 
FM4 hat sicher auch eine wichtige Rolle für diese Genres gespielt. In Deutschland beneidet man uns um diesen Sender.

So einen Fall hatten wir schon, hoffentlich bleibt uns dieser erhalten.
Hergov
ich: Das hoffe ich doch. Da muss man die politischen Entwicklungen abwarten, aber es gab ja nur eine Partei, die da mit der Säge kommen wollte. Jedenfalls hat FM4 den Umzug positiv angenommen.

Sie bieten, wie der Österreichische Musikfonds auch, Listening Sessions an, allerdings mit einer anderen Zielsetzung.
Hergowich
: Ja, im Rahmen von Waves Vienna, das ja ein auf Internationalisierung ausgerichtetes Showc-Case-Festival ist, nutzen wir das gleiche Format im Export-Bereich. Zum Teil internationale, also nicht ausschließlich österreichische Musikschaffende, die vielleicht schon einmal veröffentlicht haben oder auch schon international spielen, erhalten dabei eine Einschätzung von einem internationalen Festival-Bookern, ob sie wirklich schon so weit sind, von einem Festival gebucht zu werden. Das führt nicht nur zu einem positiven Dialog, sondern manchmal auch dazu, dass Musiker von diesen Festivals gebucht werden. Es ist also eine echte Chance. Es geht nicht nur um Feedback, sondern wie bei der Waves Conference um Wissensvermittlung und darum, sich zu präsentieren und um eine niederschwellige Möglichkeit, sich international zu vernetzen.

Der Exportbereich ist seither enorm gewachsen und hat Dimensionen angenommen, die schwer zu bewältigen sind?
Hergovich:
(lacht) Das kann ich bestätigen, Tendenz steigend. Die Festivals buchen glücklicherweise immer mehr österreichische Acts, daraus ergeben sich immer mehr Interessenten, Festivals oder auch Tourneen. Wir haben allerdings nicht die Ressourcen, alle Möglichkeiten wahrzunehmen.
Reiter: Und es treten immer öfter neue Interessensgruppen, etwa Musiktheater, an uns heran. Sie möchten, dass wir auch für sie Networking-Möglichkeiten, Showcases oder Pitchings organisieren. Es ist uns auch sehr recht, wenn neue Ideen entstehen, wir auf neue Netzwerkknotenpunkte hingewiesen werden, nur sind wir mit den Ressourcen eigentlich am Anschlag.
Hergovich: Sowohl finanziell als auch personell. Beispielsweise hat beim Eurosonic Festival in Groöningen bis vor rund zehn Jahren immer nur ein österreichischer Act gespielt. Dann sind wir Partner im European Talent Exchange Programme (ETEP) geworden, wodurch die Teilnahme von vier österreichischen Acts garantiert war - heuer waren es aber neun. Bei der Reisekosten-Unterstützung, die wir ja immer bieten, macht das einen Unterschied. Wir wollten aber nicht den Betrag, der üblicherweise für vier vorgesehen ist, durch neun teilen. Da mangelt es natürlich an den finanziellen Ressourcen, das so durchzuführen, wie es sinnvoll und unseren Zielen entsprechend wäre.

Den Mehraufwand schaffen Sie mit ihrem 13-köpfigem Team, das schon mehrere Jahre nicht aufgestockt wurde?
Sabine Reiter:
Mit den aktuellen Ressourcen sind all unsere Aktivitäten kaum mehr zu bewältigen. Aber wir haben ein großartiges Team, mit großer Flexibilität, auch was Auslandsreisen betrifft. Am meisten los ist in unserem Tätigkeitsbereich von September bis Juni.  Der Sommer ist - abgesehen vom Jazzfestival Saalfelden und natürlich den Vorbereitungen für den Herbst - eine ruhigere Zeit.
Hergovich: Dann ist aber einiges zu tun - von den Musiktheatertagen, dem Reeperbahnfestival, bei dem dieses Jahr so viele Acts wie noch nie aufgetreten sind, über Waves Vienna bis hin zur Musik-Export-Konferenz in Brüssel. Da sind wir Partner und führen für die Europäische Kommission eine Studie über Möglichkeiten des europäischen Musikexports durch, die in das neue Förderprogramm von Creative Europe einfließen soll. Die Bandbreite der Aufgaben ist ungemein spannend. Aber es ist großartig. Es kann uns ja nichts Besseres passieren, das wollten wir ja alles.

Gibt es eine vergleichbare Einrichtung in Europa?
Reiter:
Mit der Bandbreite, die wir abdecken, nicht. In den nordischen Ländern wurden die Musikinformationszentren und die Musik-Exportbüros zum Teil zusammengelegt. Bei einem Treffen unseres Dachverbands im Juni wurde berichtet, wie positiv sich diese Fusionen auf die Arbeit insgesamt auswirken. Wir wurden 1994 gegründet, mit dem Auftrag, den wir auch aktuell noch verfolgen: Hilfe zur Selbsthilfe über das proaktive Anbieten von Wissen über das Musikbusiness, die Vernetzung der Musikszene untereinander, die Arbeit an den Rahmenbedingungen des Musiklebens und die Promotion österreichischer Musik im In- und Ausland. Wichtig ist, finanzielle Unterstützung immer auch durch die Vermittlung von Expertise zu unterstützen. Dieser Ansatz bzw. der Schwerpunkt auf der Wissensvermittlung unterscheidet uns auch von anderen Musikinformationszentren und Exportbüros. Wir veranstalten Vorbereitungs-Workshops für alle internationalen Auftritte und Netzwerkveranstaltungen, die wir anbieten. Es geht ja nicht nur um die Leistung auf der Bühne, sondern auch um das wirtschaftliche Umfeld. Für die vielen EPUs, die wir in unserem Bereich haben, ist es sehr wichtig, darauf vorbereitet zu werden, diese Chancen richtig nutzen zu können.

Eine kritische Betrachtung der Musikausbildung an Universiäten und an Grundschulen in Österreich oder aktueller Entwicklungen im Streaming-Bereich, ebenso wie erfreuliche Tendenzen in der Branche waren weitere Themen des Gesprächs, nachzulesen ab Seite 22 der aktuellen Ausgabe von MEDIA BIZ.

Bis Dezember 2019 steht MEDIA BIZ digital zum kostenfreien Schmökern auf https://www.mediabiz.at/app.html bereit.
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