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Sommer 2018
Nr. 232


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MEDIA BIZ digital


Kurt Brazda
Foto: Stephan Mussil
Digitales Lumpenproletariat

Mehr als deutlich nennt Kurt Brazda, Regisseur und ehemaliger Präsident des aac, die Zukunftsaussichten für nicht wenige Filmschaffende beim Namen. Warum ihnen droht, zum digitalen Lumpenproletariat zu werden, erklärte er Wolfgang Ritzberger.

Salbungsvolle Versprechungen und Formulierungen werden hier nicht mehr weiterhelfen. Das ist jedem sofort klar, der Kurt Brazda zuhört, seine Statements liest und ernsthaft darüber nachdenkt. „Die Anstellung wird die Ausnahme sein, Freelancer die Regel!“ In diesem Statement Brazdas steckt so ziemlich alles, was die „old fashioned loverboys“ der Filmbranche auf die Palme zu bringen imstande ist. Anstellung und eine eher konservative Auslegung der hier korrespondierenden rechtlichen Regelungen gilt hierzulande meist noch als Dogma. Zumindest einigen, immer weniger werdenden Kolleginnen und Kollegen. Aber die Front bröckelt zusehends und selbst Big Player stellen unverblümt die Frage, ob es denn wirklich ein angestellter Cutter auf KV-Niveau sein müsse, wenn’s ein Kollege für deutlich weniger „Cash auf die Kralle“ auch machen würde, notabene die Kollegen mittlerweile nicht mehr hinterm eisernen Vorhang säßen, sondern mitten in der EU angekommen seien und vor allem recht sorglos vorgeschnitzte Rechnungen unterschreiben täten. Daheim hammses denn eh nicht so mit Sozialversicherung und Steuern, zumindest tätens zwar gern, bringens aber nicht so zamm, wie sies gern täten.

Die Filmbranche als Blaupause für die restliche Welt
Nüchtern betrachtet, waren die Argumente über die Jahre immer gleich und auch immer gleich richtig. Orientiert am Arbeitsgesetz ließ sich trefflich argumentieren, dass so gut wie fast alle Gewerke des Filmschaffens alles andere als „freie Berufe“ sind. Man verwende fremde Arbeitsgeräte, habe Dienstzeiten und sei weisungsgebunden. Schluss aus basta. Wer so dumm sei, sich nicht anstellen zu lassen, bekomme die Rechnung dann im Lauf der Jahre präsentiert. Die erste nach etwa zwei Jahren mit den Nachzahlungen an die SVA, die zweite, wenn Kranksein zum Luxus wird, die dritte beim 13. und 14. Monatsgehalt und die letztlich dann als Schlussrechnung in der Pension. Dort würde sich die ganze Malaise noch einmal so richtig summieren. Ja, unbestritten, kann genau so kommen und ist genauso gekommen, in vielen, viel zu vielen Fällen. Und Kurt Brazda argumentiert ja auch gar nicht gegen eine Anstellung und hält, als alter Gewerkschafter mit einem fast schon romantischen Hang zur Sozialdemokratie, nach wie vor genau das für die beste aller Lösungen. „Ich hab selbst lang genug für Verbesserungen des Kollektivvertrages gekämpft und solche verhandelt. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass das die Jungen in der Branche in ein paar Jahren nicht mehr betreffen wird,“ so Brazda. Sein Befund: die Sozialstrukturen würden fast überall zusammenbrechen und die neuen Arbeitsmodelle machen die Beschäftigten zu Vogelfreien, die weder Schutz noch irgendwelche Regulative in Anspruch nehmen können. Die Filmbranche diene hier gleichsam als Blaupause für die restliche Welt. „Nimm die Fahrer bei Uber als Beispiel, die niedrigen Fahrpreise gehen auf wessen Kosten? Auf die der Fahrer. Und zu allem Überfluss tragen die auch noch das ganze Risiko, weil sie irgend so etwas wie freie Unternehmer sind, ohne das wirklich zu wollen.“

Sozialabgaben
Genau dort haben die Verfechter der Anstellung bisher auch erfolgreich eingehakt, wenn alle anderen Argumente wegdiskutierbar waren. Nachzahlungen an die SVA? Sorry, aber die Sozialabgaben sind unterm Strich in jeder Beschäftigungsvariante ähnlich, die Summe aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmerabgaben und sonstigen Lohnnebenkosten unterscheiden sich da nicht so großartig. Im Gegenteil, bei manchen Leistungen sei die SVA sogar besser als die Gebietskrankenkassen für Angestellte. Wer nachzahlt, hat vorher zu wenig bezahlt und hat daher einen zumindest nicht so sorgfältigen Steuerberater, der das eigentlich wissen sollte.

Kurt Brazda engagiert sich schon seit Jahren für neue Formen der gewerkschaftlichen Vertretung, für neue Richtlinien und soziale Standards und vor allem für ein neues Bewusstsein, denn, davon ist er überzeugt, die prekären Beschäftigungsverhältnisse werden die Regel werden. Anlässlich einer Informationsveranstaltung in Kooperation mit vidaflex (www.vidaflex.at), zu der Anfang Mai der AAC (www.aacamera.org) geladen hatte, beginnen wir in dieser Ausgabe von MEDIA BIZ mit Kurt Brazdas Sicht der Dinge und werden weitere Beiträge dazu folgen lassen.
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